"Rumbullion" bedeutet "Großer Aufruhr"

Die Erwähnung von Whisk(e)y sorgt für Assoziationen mit Tennessee-Lässigkeit, irischen Pubs und schottischer Hochland-Schönheit. Beim Begriff „Bier“ dürften vielen Menschen als Erstes bayerische Festzelt-Gemütlichkeit oder belgische Brau-Kuriositäten einfallen. Wie Bier und Whisk(e)y gehört auch Rum zu den Genussmitteln, bei deren Nennung Bilder und Gefühle erweckt werden. Wer das Wort „Rum“ hört, denkt wohl nur selten sofort an Melasse, Alkoholgehalt oder Destillation, sondern eher an runden Geschmack, an berühmte Rum-Getränke wie Mojito oder Daiquiri, an Hemingway und Fidel Castro. Vor allem aber an die traumhaften Strände von Kuba und Jamaika, an verwegene Piraten, aufrechte Matrosen und christliche Seefahrt als Ganzes. Tatsächlich bringen wir kaum ein anderes alkoholisches Getränk so eng mit Karibik und Schifffahrt in Verbindung wie Rum. Und das hat durchaus seine historischen Gründe.

Anfang des 16. Jahrhunderts hat an einem unbekannten Ort zwischen Brasilien und Barbados ein wahrscheinlich aufmerksamer Zeitgenosse die Gärfähigkeit von Melasse bei Vermengung mit anderen Stoffen wie Wasser und Zuckerrohrsaft entdeckt. Melasse, eine Art Zuckersirup, ist ein Abfallprodukt bei der Zuckerherstellung. Sie wurde zum Grundstoff für Rum. Wir können es nicht ausschließen, dass diese Entdeckung einem der wunderbaren Zufälle zuzurechnen ist, welche heute unsere Stunden am Kaminfeuer und unsere Partys noch immer bereichern. Findige Köpfe haben die bei dieser Kombination durch Fermentierung entstehende weinähnliche Flüssigkeit zu einem hochprozentigen Getränk und damit zu den frühen Rum-Varianten destilliert. Sie bekamen Namen wie „Cachaca“, „Aguardente“, „Eau de Vie“ oder „Kill-Devil“.  Als allgemein namensgebend setzte sich schließlich „Rum“(im französischen Sprachraum auch „Rhum“) durch. Das Wort könnte von dem in der Regionalsprache der Barbados-Ansiedler üblichen Begriff „Rumbullion“ („Großer Aufruhr“) abgeleitet worden sein. Denn der übermäßige Genuss des im 17. Jahrhundert noch vorwiegend als „ölig“ und „stinkig“ eher mit negativen Attributen besetzten Getränks hat seine damals noch anspruchslosen Konsumenten nicht selten zu Ausschreitungen verleitet. 

Als die Rum-Destilliermethoden schrittweise verfeinert worden waren, gewann Rum allmählich an geschmacklicher Qualität, die das Getränk exporttauglich machte. Zunächst wussten außerhalb Lateinamerikas die nordamerikanischen Pioniere den karibischen Trank zu schätzen.

Wenig später wurde Rum auch bei der englischen Marine populär. Nachdem die Briten 1655 die spanische Kolonie Jamaika erobert hatten, erbeuteten sie riesige Vorräte an Rum. der siegreiche Admiral Penn kam daraufhin auf die Idee, den Flüssig-Proviant seiner Schiffe umzustellen. Der so gut wie unverwüstliche Rum diente fortan zumindest  zum Teil als Ersatz für die nicht allzu tropentauglichen Bordgetränke Bier und Wein. Außerdem sollte Rum als eine Art Medikament bei der Behandlung von Krankheiten und Verletzungen zum Einsatz kommen. Allmählich wurde die zunächst auf westindische Gewässer beschränkte Praxis, jeden Tag ein halbes Pint (knapp 0,3 l) puren Rum an jedes Mannschaftsmitglied auszugeben, zur genau beachteten Tradition in der gesamten Royal Navy. Die aufgeteilte Ration wurde „Tot“ genannt. 

1740 gab Admiral „Old Grogram“ Vernon, besorgt um die Seetauglichkeit seiner Teerjacken, den Befehl, den Tages-Rum rauschmindernd durch Wasser und Zitronensaft zu verdünnen. Die kalte Ur-Form des Grogs war erfunden!  Am 31. Juli 1970, dem „Black Tot Day,“ wurde die Ausgabe von Rum-Rationen auf britischen Kriegsschiffen eingestellt. Die oft auf Basis von Demerara-Rum (Guyana) hergestellte Rum-Marken mit dem Zusatz „Navy Rum“ wie „Black Tot Navy Rum“ oder „Lamb´s Navy Rum“ knüpfen heute an die Rum-Tradition der Royal Navy an.

Ein weiteres von vielen sympathischen Rum-Connaisseur-Details ist die schleswig-holsteinische Ursprungslegende vom Genuss-Getränk Pharisäer. Angeblich sollen im 19. Jahrhundert Nordfriesen bei einer Feierlichkeit, bei der ihr alkoholablehnender Pastor anwesend war, nicht auf ihren geliebten Rum verzichten wollen. Um die Geistlichkeit nicht aufzuregen, haben die pfiffigen Friesen ihren Rum mit Kaffee und viel Schlagsahne getarnt. Der Pastor kam ihnen aber auf die Schliche und belegte seine Schäflein mit dem Schimpf „Oh, ihr Pharisäer“. So kam Nordfrieslands Nationalgetränk zu seinem Namen. 

Außer in der Karibik wurde Rum in der britischen Kolonialepoche bald auch in anderen tropischen Weltgegenden wie Indien, Mauritius („Rhum agricole“) oder den Kapverden hergestellt. Von dort kommen heute ausgezeichnete Rum-Qualitäten, die die weltweite Rum-Kultur bereichern. Eine Kultur, zu denen auch etliche Verarbeitungsstandorte außerhalb der Zuckerrohrzonen wie zum Beispiel die „Rum-Hauptstadt des Nordens“ Flensburg gehören. Hier in der zweitgrößten Hafenstadt des bis 1864 existierenden Dänischen Gesamtstaates verarbeiteten die Bewohner an der Ostseefjörde in zeitweise 200 Rumhäusern den aus dänischen Westindien-Kolonien angelandeten Roh-Rum zu edlen Blends weiter. 

Heute hat der Kenner die Wahl der Qual zwischen Hunderten als Ergebnis weltgeschichtlicher Ereignisse und innovativer Destillations-Kunst angebotenen weißen und braunen, aromatisierten und nicht aromatisierten Rum-Marken zum Purgenuss oder als Grundlage leckerer Mischgetränke.