Oldtimer- philosophisch besprochen

Der Philosoph Lambert Wiesing von der Universität Jena ist für seine Arbeit über Luxus mit dem Thüringer Forschungspreis ausgezeichnet worden. Die Ehrung erhielt er in der Kategorie der Grundlagenforschung, was für die Philosophie selten ist. Und darin befasste er sich unter anderem auch mit dem Besitz von Oldtimern. Denn hier sieht er eine spezielle Form des Luxus, die er in einen engen Zusammenhang stellt mit Friedrich Schillers Freiheitsbegriff. Dieser erscheint ihm als eine frühe Form des Luxusverständnisses. Wiesing betont vor allem den Kontext, in dem man von Luxus sprechen kann: „Die Luxuserfahrung wird an einem Gegenstand gemacht, der die Zweckmäßigkeit erfüllt wie die Uhr, der Teppich, das Haus, der Garten, die Bibliothek oder was auch immer. All diese Dinge erfüllen einen Zweck. Aber es gibt sie in einer Variante, die so aufwendig ist, dass man nicht mehr von zweckmäßig sprechen kann. Und dieses Tüpfelchen zu viel – ist ein spezieller Luxus.“

Bei seiner Gastprofessur in Oxford war Wiesing eine Parallele zwischen Bildung und Luxus aufgefallen: Beides Phänomene, zu denen es nur kommt, wenn mehr als das Notwendige betrieben wird, sagte Wiesing der Zeit in einem Interview. Luxus sei an eine Erfahrung des Bruchs mit Zweckmäßigkeit gebunden. Ähnlich wie Schönheit, Kunst oder Gerechtigkeit sei Luxus ein Phänomen, das sich nicht mit naturwissenschaftlichen Methoden messen lässt.

Kann ich mit einer Uhr zum Juwelier gehen und ihn fragen, ob das Luxus ist? Nein, er wird mir nur über den Anteil von Gold, Silber und anderen Elementen Auskunft geben. Luxus lässt sich nicht kaufen, es ist ein Gefühl im Besitz von Dingen, die ihren Zweck eben nicht nur zweckmäßig erfüllen.

In einem Deutschlandradio äußerte Wiesing: „Luxus entsteht, wenn man bewusst etwas mit seinem Besitz macht, von dem man weiß, dass es nicht vernünftig ist.“ Man denke an einen Oldtimer-Fan, der seine Autos mehr repariert als fährt, dem aber die eine Spritztour im Jahr das Hochgefühl von Freiheit vermittelt.

Deutschlandfunk Journalistin Doris Arp zog die Parallele zu einem Obdachlosen, der sein gesammeltes Geld nicht in den Schlafplatz für die nächste Nacht investiere, sondern sich im besten Café am Platz ein Stück Sahnetorte leiste als treffendes Beispiel. Luxus als Trotz. „Eine Verweigerungsgeste, dass man als Mensch nicht ganz in einen Funktionalismus und einem Zweckmäßigkeitsdenken aufgehen möchte.“

Luxus ist nach Wiesings Definition somit eine individuelle Erfahrung durch den Besitz eines Gegenstands, der für den Einzelnen - auf welche Art auch immer - geeignet ist, ihm das Gefühl von Autonomie und Freiheit zu vermitteln. Nicht umsonst leitet der Philosoph einen Lehrstuhl an der Friedrich Schiller Universität Jena. Gern bedient er sich auch des Schillerschen Freiheitsbegriffs. Schiller begreife in seinen Schriften „Über die Ästhetische Erziehung des Menschen“ das Spielen als einen Moment der Freiheit, in dem der Mensch die Erfahrung machen kann, was es überhaupt heißt Mensch zu sein. „Schiller scheint mir insofern ein wegweisender Philosoph zu sein“ meint Wiesing „obwohl er selbst kaum über Luxus spricht. Aber Schiller hat etwas entdeckt, dass der Mensch sich als Mensch dadurch auszeichnet, dass er zu sich selbst, zu seinen Zwängen, zu seinen Vorgaben Stellung nehmen kann.“ Und anders als durch die Vernunft gesteuert, bewusst frei sein kann. Freier als die „Barbaren“, wie Schiller sie nennt. Und Wiesing übersetzt, was Schiller seiner Meinung nach unter Barbaren verstanden hat: „Sogenannte Rigoristen, die immer ganz genau wissen, was der Mensch braucht, was notwendig ist, was vernünftig ist, was man machen muss, was korrekt ist." Schiller sehe in ihnen ein Verfallsmoment, eine Einseitigkeit des Menschen. 

Besitzer von Oldtimern haben es nun also amtlich: Wenn sie sich eines nicht vorwerfen lassen müssen, so ist es, einen einseitigen Charakter zu besitzen.