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„Locken“ mit Haltbarkeit

Als Karl Nessler 1872 in Todtnau, unterhalb des Feldbergs, als Sohn des Schumachers Batholomäus Nessler zur Welt kam, konnte noch niemand den Erfindergeist und Erfolg des Neugeborenen erahnen.

Überliefert ist, dass Karl Nessler bei seiner zeitweisen Arbeit als Schafhirte schon aufgefallen sei, dass das Fell dieser Tiere dauerhaft gelockt war; angeblich sei so bei ihm bereits in jungen Jahre die Idee zur Dauerwelle entstanden.

Um das Handwerk des Friseurs von der Pike auf zu lernen, beginnt Karl Nessler eine Lehre beim Handwerksmeister Busam, einem Dorfbarbier, in Fahrnau. Doch schon bald erkennt er, dass hier seiner Kreativität Grenzen gesetzt sind und macht sich auf den Weg in die weite Welt. Basel, Mailand und vor allem Genf waren die ersten Stationen, wo er nicht nur die Sprache des jeweiligen Landes lernte, sondern auch seinen persönlichen Stil und sein Auftreten änderte. So nannte er sich von nun an Coiffeur und nahm für den Rest seines Lebens den Namen Charles Nessler oder Charles Nestle an.

Mit Wissen und Können als Coiffeur gerüstet, zieht es ihn nach Paris. Hier trifft er auf die Ulmerin Katharina Laible, seine spätere Ehefrau, die sich bereit erklärte, Charles Nestle für seine erste Dauerwelle an einem Menschen zur Verfügung zu stehen. Denn im Stillen war die Idee der Dauerwelle weiter gereift und durch Versuche und Überlegungen weiterentwickelt worden.

Die ersten Erfolge

Mühselig war diese Prozedur für beide. Das Benetzen der Haare mit der von Charles Nestle entwickelten Geheimtinktur, das Aufwickeln auf schraubenförmige Metallstäbe und dann vor allen Dingen das Erhitzen der so vorbereiteten Haare mit einer selbstkonstruierten, elektronisch beheizten Zange, von ihm gehalten für die Dauer der Einwirkzeit. Doch dieser erste Versuch sollte nicht zum gewünschten Ergebnis führen. Einige Anwendungen und Brandblasen am Kopf von Katharina Laible später, wurde mit dem Entstehen der ersten Dauerwelle die Erfindung der dauerhaften Locken von Erfolg gekrönt.

Mit dem Umzug nach London und der Heirat mit Katharina Laible beginnt die Erfolgsgeschichte von Charles Nestle. Er lässt seine erste Erfindung, die Herstellung künstlicher Augen-Brauen und -Wimpern, patentieren. In seinem ersten eigenen, noblen Salon in der Oxford Street lässt er die Kundinnen mit seinem Dauerwellen-Gerät erlocken. Die Damenwelt ist über diese Erfindung sehr „amused“ und Charles Nestle‘s Salon erfreut sich regen Zulaufs.

Angespornt durch diesen Erfolg und in der Annahme, dass dieses Verfahren jetzt reif für die Öffentlichkeit sei, stellt Charles Nestle 1906  seine Idee den exklusiven Londoner Friseurkollegen vor. Die Demonstration endet mit einem Desaster. Weniger aus fachlich oder gar sachlichen Gründen, sondern wohl mehr der Tatsache geschuldet, dass die „verehrten“ Kollegen befürchteten, ihren Status und damit ihre Kundschaft zu verlieren.

Doch Charles Nessler ließ sich nicht entmutigen. Aufgrund verstärkter Werbemaßnahmen erreichte er sein Ziel: Im Februar 1910 wird ihm vom britischen Patentamt ein Patent für seine permanent wave machine erteilt. Noch einige weitere Patente zur Verbesserung sollten folgen.

Mund-zu-Mund Propaganda erweitert seinen Kundenkreis durch alle Schichten. Nun könnte Charles Nestle sein Leben in ruhigem Fahrwasser und vollen Zügen genießen. Doch mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs wird er als feindlicher Ausländer von den britischen Behörden interniert, sein Vermögen eingezogen.

Der "wave curler" als erstes Heimgerät

© wikipedia by myself

New York wird nach seiner Entlassung sein nächstes Ziel. Hier muss er feststellen, dass seine Erfindung bereits angekommen ist – als unerlaubte Kopie. Auch in dieser fatalen Situation steckt Charles Nestle den Kopf nicht in den Sand. Unverzüglich meldet er in den USA seinen modifizierten Dauerwellen-Apparat zum Patent auf seine von ihm neu gegründete Nestle Patent Holding Co. Inc. an. Der Erfolg bleibt nicht aus! In der East 49th Street Nr. 8 bis 14 sind seine Salons angesiedelt. Kundinnen aller in New York angesiedelten Rassen und Nationen wissen seinen wave curler zu schätzen; auch zum Bändigen von krausem Haar.

Die Entwicklung eines Heimgerätes entwickelt sich zum Verkaufsschlager. Das Konzept geht auf; bald entwickelt er ein Heimgerät, das nur 15 Dollar kostet. 1927 beschäftigt er in New York, Chicago, Detroit, Palm Beach und Philadelphia rund 500 Mitarbeiter, sein Firmenimperium ist Millionen wert. 1928 verkauft er seine Geschäfte und Patente zu dem damals unvorstellbaren Betrag von 1,5 Mio. Dollar. Doch lange kann er sich dieses Vermögens nicht erfreuen. Mit dem Börsencrash am Schwarzen Freitag verliert er mehrere Millionen. Nur noch schwerer traf ihn der Verlust seiner Ehefrau Katharina 1935.

Bis zu seinem Tod 1951 hat der Tüfftler in ihm noch an einigen weiteren Projekten gearbeitet. Deren Erfolg blieb aber aus Umständen von innen – keine Nachfrage - und außen – Zweiter Weltkrieg – aus.

Seine Heimat hat Charles Nestle nie vergessen. In der größten wirtschaftlichen Not seines Heimatortes spendete er Todtnau 20.000 Mark, eine für damalige Zeiten erhebliche Summe. Seit 1996 ehrt Todtnau den wohl berühmtesten Sohn der Stadt mit dem „Nessler-Preis“ zur Erfindung der Dauerwelle vor 90 Jahren. Unter der Leitung von CAT Präsident Günter Amann wird der mit 2.500,00 Euro dotierte Preis alle drei Jahre an eine verdiente und engagierte Persönlichkeit des Friseurhandwerks vergeben und so einem berühmten Sohn des Schwarzwaldes eine ehrendes Denkmal gesetzt.